18.02.2019

Fieber

Das Kind, das fiebernd auf dem Sofa liegt, die Augen nur halb offen, glasig, ins Nichts gerichtet – es erinnert mich an das Fieber in der Kindheit, aber auch an eine Erzählung von Wolfgang Borchert, in der ein Kranker kalte Kirschen bekommen soll, aber die Schale zerbricht. So zumindest habe ich es in Erinnerung.

Man kann von außen nur schwer nachvollziehen, was im Fiebernden vorgeht. Ich erinnere mich an einen ewigen Loop, Kaugummiwände, die sich in die Länge und danach wieder zusammenzogen. Eine Kanne Tee, die mir meine Mutter morgens ans Bett stellte für den Tag, bevor sie zur Arbeit ging. Da war ich aber schon deutlich älter, 14 oder 15. Ich hatte ein paar Jahre lang regelmäßig Angina, einmal musste ich mit vereiterten Mandeln in die Notpraxis, weil die Kügelchen der homöopathischen Wunderheilerin versagt hatten. Vielleicht kommt daher auch meine Wut auf diese Therapieform (denn jahrelang hielt ich Meditonsin, Bionorica und Co. tatsächlich für Medizin; heute weiß ich, dass ich auch einfach einen Löffel Zucker lutschen könnte).

Immerhin habe ich meine Mandeln noch, und irgendwann war die Krankheit einfach wieder verschwunden. Rothaarige sind schmerzempfindlicher, sagte Michael zu mir, wenn er mich besuchte. Das sei genetisch so, weil die Rothaarigen vom Neandertaler abstammten. Auch das ist natürlich nur eine Erinnerung, und wir wälzten damals eine Menge Theorien hin und her, Deutschlandfunknachrichtenschnipsel usw.
Schön ist es jedenfalls zu sehen, wenn das Fieber weicht. Die Augen wieder klarer werden. Der Mund wieder zu sprechen beginnt, wasserfallartig den verlorenen Tag nachholend. Die lastende Stille des Fiebertages wird abgelöst vom fröhlichen, zwitschernden Geschnatter des nun nicht mehr ganz so kranken Kindes.