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Fahrrad fahren I

Ich biege mit Schwung in die Straße und lasse mich rollen, denn gleich geht es wieder bergauf, der Turnierfahrer teilt sich seine Kräfte ein. In der nun folgenden, leicht nach links strebenden Kurve sehe ich ein parkendes Polizeiauto.

Es passiert, was immer passiert, wenn ich ein Polizeiauto sehe. Wenn ich ein Polizeiauto sehe, dann frage ich mich, welcher kriminalistischen Tätigkeit die Beamten wohl nachgehen – und natürlich sorgt dies für ein angenehmes Erschaudern, einen wohligen Grusel. Wird gerade ein Einbrecher gefasst, wird jemand einkassiert, ein Haftbefehl vollstreckt? Oder statuieren die Gesetzeshüter jetzt ein Exempel an einem weniger schweren Fall, führen sie einen Falschparker vor, setzen sie einem Wildpinkler zu?

Ich denke und rolle, dann sehe ich Menschen in gelben Warnwesten, auch Polizisten darunter, sie beugen sich zur Erde, die Körper bewegen sich hektisch – gleich ändert sich mein Gefühl, das genüssliche Vergnügen weicht der Scham, da liegt vielleicht einer, jetzt wird es ernst, es geht um ein Menschenleben.

Nein, geht es nicht.

Ich trete in die Pedale und sehe einen Hund; die Menschen, die Polizisten scharen sich um einen Hund, dann richten sie sich auf, da sind noch mehr Hunde, sie stellen sich nebeneinander auf, die Hunde davor, ein Gruppenbild – nun fällt mir auch der Wagen zur linken auf, ein ziviles Fahrzeug, grau-metallic, eine kleine, blaue Rundumleuchte auf dem Dach.

Die Entwarnung ist eine Enttäuschung, natürlich auch ein Aha-Erlebnis. So wie neulich, als ein Polizeiauto bei uns in der Straße parkte, die Kollegin auf der Beifahrerseite ausstieg, die Mütze zurechtrückte, den Rücken durchbog, in Richtung unseres Hauses lief, den Blick ganz leicht verengt vielleicht – und dann abdrehte, weil montags der Bäcker Ruhetage hat.

Christian Huck schreibt über die Populärkultur

Gestern Abend war ich im Acud-Studio bei der Präsentation von Christian Hucks Buch „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam“, erschienen bei Textem in Hamburg. Eine kurzweilige Buchpräsentation, die absolut Lust auf den Inhalte machte, exakt getimt, formidabel in der Mischung aus Text, Bild und Ton. Das anschließende Quiz zur Populärkultur war ein Kracher, es transporte das beinahe nostalgische Gefühl gegenüber der klassischen Samstagabendsshow in das abgedunkelte Acud-Studio. Ob man nun aus kongenialen Bilderrätseln Musiktitel ableitetete, rückwärts gespielte Musik erkannte oder sich langsam enthüllende Plattencover erriet – es machte Spaß, die Atmospähre explodierte irgendwann regelrecht. Natürlich trug auch das Wetter seinen Teil dazu bei, die kühle, trockene Nachtluft nach einem durch und durch sonnigen Tag, der die Leute kiloweise in die Parks klatschte.
Auf dem Rückweg dann noch das ARD-Logo kurz vor der Friedrichstraße, dem ein halbes D fehlte, da das Blau nicht mehr leuchtete – ein klassisches Instagram-Motiv, das irgendwie ironisch zeigt, dass etwas kaputt ist oder nicht mehr so funktioniert. Das irgendwie darauf hinweist, dass auch eine Institution nicht ohne Fehler ist. (Ich habe das Foto natürlich nicht geschossen.)
Im Park am Gleisdreieck noch große Gruppen an feiernden Jugendlichen, mindestens genauso viele Leihräder kreuz und quer in den Park gestellt. Ich frage mich, wie sehr die Leihräder meine Berliner Jugend geprägt hätten, aber mir fehlt der Zugang zu Zeit und Ort einer Berliner Jugend um 2018.
Auf der Strecke zwischen Südkreuz und Priesterweg brennen noch einige Feuer, aber hier verabschiedet man sich schon wortreich und laut rufend, die Fahrradspeichen eines geschobenen Rades flackern wild im Scheinwerferlicht meines Rades; wie beim Pop-Quiz habe ich bohrend darüber nachgedacht, was die richtige Antwort wäre auf die Frage nach den kleinen, tänzelnden Reflektionen. Mein intuitiver Gedanke lautete: ein kleiner, verrückter Hund, vielleicht spastisch. Dann aber eben das Rad mit den reflektierenden Speichen. Realer, und darum – wie so oft – vielleicht auch weniger erwartbar.

Andi Schoon: Die schwache Stimme

Andi Schoon kann schreiben, das will ich gleich vorweg stellen. Man liest das Buch in Nullkommanichts, und dabei ist es kein Krimi- oder Fantasy- oder Liebesschmöker. Ich betone das deshalb, weil gut geschriebene Bücher gar nicht so häufig sind, wie man denkt. Die äußere Gestaltung passt kongenial dazu: viel Schwarz mit invertierter Kritzelei, mutwillig vielleicht drei Viertel des Covers bedeckend – nicht mehr –, das macht Freude, das hat schon dieses Suhrkamp-Feeling, das man gleich etwas ganz Tolles zu lesen bekommt.

Und wie gesagt: Der Text ist toll zu lesen. Auch wenn er mir ein wenig wie eine Stilübung vorkommt, ein hastiger Entwurf von Figuren, die Szenarien und Denkprobleme der heutigen Zeit durchspielen sollen (und können). Man kann es ja auf der Buchrückseite lesen: Alois Paschen, Sarah Tobler, Dieter Ganske, Konrad Bruckner werden in vier Miniaturen zum Leben erweckt in ihren jeweiligen speziellen lebensweltlichen und soziologischen Kontexten. Paschen reibt sich an der neuen Zeit, Tobler an der Sättigung, am Rückzug ins Biedermeierliche. Auch Ganske und Bruckner müssen sich auseinandersetzen mit sich selbst und den Dingen um sie herum. Die meiste Zeit gelingt das den Figuren auch glaubhaft. Immer wieder aber kippen die Erzählungen gefühlt in eine Auseinandersetzung der Autorenfigur mit der Welt, ein sprachliches Durchdeklinieren von verschiedenen Lebensmodellen. Die Paschen, Tobler und Co. sind dann eher Vehikel, Sparringspartner, Pappkameraden.

Mir persönlich hat das Buch gerade dort gefallen, wo die Figuren lebendig werden, wo eine Art von Zorn, ein vitalistischer Ansatz überwiegt. Der wütende, leidende Paschen, die schmollende, unzufriedene, unsichere Tobler – diese Miniaturen haben mich direkt mitgenommen. Etwas weniger wurde es bei Ganske (hier fängt für mich aber die flirrende Welt Marokkos vieles auf), Bruckner erschien mir endgültig gefangen im Klein-Klein einer imaginierten, deutlich theoretisierten Lebenssituation (wobei der Text gerade hier in sich auf eine stärkere Lebenswirklichkeit von Bruckners Schaffen abzielt).

Um das Ganze zusammenzufassen: Vier Bruchstücke, Bewusstseinssplitter, nehmen sich die Zeit und die in ihr vorkommenden Menschen vor. Das gelingt in einem Text, der sich nur so runterliest. Es gibt Verknüpfungen zwischen den einzelnen Textstücken, die man aber auch hätte aussparen können. Es gibt – natürlich – kein richtiges Ende, am ehesten einen sphärischen Hauch mit Rückbezug zum Buchtitel. Ich hätte mehr lesen können und wollen von Paschen, Tobler und Co. Aber da haben wir wieder den Volksmund: Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Auch das ist in diesem Buch eines von Andi Schoons aufscheinenden Talenten.

Lengel fährt aus (Erste Version)

An diesem Morgen spürt Lengel seine Beine unter dem dünnen Stoff der Anzughose. Es ist nicht nur die Kälte – minus zwei oder drei Grad – die den Gliedmaßen Kontur gibt. Es ist vielmehr eine Schwere, die sich ausbreitet. Von den Füßen her in Richtung des Kopfes. Die Beine wissen nämlich, dass die morgendliche Wegstrecke zur Arbeit exakt 12,3 Kilometer beträgt, auch Lengel ist das natürlich bekannt. Aber er tritt keuchend in die Pedale, den baumlangen Körper nach vorn geneigt. Er hat die Einfahrt schon im Auge gehabt, war bereit, einzurollen, wie jeden Morgen. Er hätte nur geradeaus fahren müssen. Stattdessen hat er den Lenker herumgerissen, einen richtigen Schlag gab das, und dann hat er laut zu singen begonnen – irgendein Lied, das Wandern ist des Müllers Lust vielleicht. Und nun will er fahren, er fährt ja schon, immer weiter, hat das Gefühl, dass das doch möglich sein muss, wie ja auch die Tour-de-France-Fahrer im Fernsehen immer fahren, Tausende von Kilometern. Er denkt, er spürt, dass es gehen kann, die Beine spürt er natürlich, das ja. Vielleicht, dass er die Aktentasche noch los wird, sie wegschleudern kann in voller Fahrt, dass ihn diese zwei, drei Kilo noch ausbremsen. Er hört die Leute schreien, vielleicht jubeln, alles wird weiß um ihn herum, die Landschaft löst sich auf und schält sich ab, ja, denkt Lengel, ja. Der Winter ist da, so lange fahre ich schon, ich fahre und fahre. Und auch das verbogene Vorderrad macht ihn nicht bange, genauso wenig, wie dass er auf der Seite liegt, direkt vor der Toreinfahrt.