Andi Schoon: Die schwache Stimme

Andi Schoon kann schreiben, das will ich gleich vorweg stellen. Man liest das Buch in Nullkommanichts, und dabei ist es kein Krimi- oder Fantasy- oder Liebesschmöker. Ich betone das deshalb, weil gut geschriebene Bücher gar nicht so häufig sind, wie man denkt. Die äußere Gestaltung passt kongenial dazu: viel Schwarz mit invertierter Kritzelei, mutwillig vielleicht drei Viertel des Covers bedeckend – nicht mehr –, das macht Freude, das hat schon dieses Suhrkamp-Feeling, das man gleich etwas ganz Tolles zu lesen bekommt.

Und wie gesagt: Der Text ist toll zu lesen. Auch wenn er mir ein wenig wie eine Stilübung vorkommt, ein hastiger Entwurf von Figuren, die Szenarien und Denkprobleme der heutigen Zeit durchspielen sollen (und können). Man kann es ja auf der Buchrückseite lesen: Alois Paschen, Sarah Tobler, Dieter Ganske, Konrad Bruckner werden in vier Miniaturen zum Leben erweckt in ihren jeweiligen speziellen lebensweltlichen und soziologischen Kontexten. Paschen reibt sich an der neuen Zeit, Tobler an der Sättigung, am Rückzug ins Biedermeierliche. Auch Ganske und Bruckner müssen sich auseinandersetzen mit sich selbst und den Dingen um sie herum. Die meiste Zeit gelingt das den Figuren auch glaubhaft. Immer wieder aber kippen die Erzählungen gefühlt in eine Auseinandersetzung der Autorenfigur mit der Welt, ein sprachliches Durchdeklinieren von verschiedenen Lebensmodellen. Die Paschen, Tobler und Co. sind dann eher Vehikel, Sparringspartner, Pappkameraden.

Mir persönlich hat das Buch gerade dort gefallen, wo die Figuren lebendig werden, wo eine Art von Zorn, ein vitalistischer Ansatz überwiegt. Der wütende, leidende Paschen, die schmollende, unzufriedene, unsichere Tobler – diese Miniaturen haben mich direkt mitgenommen. Etwas weniger wurde es bei Ganske (hier fängt für mich aber die flirrende Welt Marokkos vieles auf), Bruckner erschien mir endgültig gefangen im Klein-Klein einer imaginierten, deutlich theoretisierten Lebenssituation (wobei der Text gerade hier in sich auf eine stärkere Lebenswirklichkeit von Bruckners Schaffen abzielt).

Um das Ganze zusammenzufassen: Vier Bruchstücke, Bewusstseinssplitter, nehmen sich die Zeit und die in ihr vorkommenden Menschen vor. Das gelingt in einem Text, der sich nur so runterliest. Es gibt Verknüpfungen zwischen den einzelnen Textstücken, die man aber auch hätte aussparen können. Es gibt – natürlich – kein richtiges Ende, am ehesten einen sphärischen Hauch mit Rückbezug zum Buchtitel. Ich hätte mehr lesen können und wollen von Paschen, Tobler und Co. Aber da haben wir wieder den Volksmund: Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Auch das ist in diesem Buch eines von Andi Schoons aufscheinenden Talenten.