Lengel fährt aus (Erste Version)

An diesem Morgen spürt Lengel seine Beine unter dem dünnen Stoff der Anzughose. Es ist nicht nur die Kälte – minus zwei oder drei Grad – die den Gliedmaßen Kontur gibt. Es ist vielmehr eine Schwere, die sich ausbreitet. Von den Füßen her in Richtung des Kopfes. Die Beine wissen nämlich, dass die morgendliche Wegstrecke zur Arbeit exakt 12,3 Kilometer beträgt, auch Lengel ist das natürlich bekannt. Aber er tritt keuchend in die Pedale, den baumlangen Körper nach vorn geneigt. Er hat die Einfahrt schon im Auge gehabt, war bereit, einzurollen, wie jeden Morgen. Er hätte nur geradeaus fahren müssen. Stattdessen hat er den Lenker herumgerissen, einen richtigen Schlag gab das, und dann hat er laut zu singen begonnen – irgendein Lied, das Wandern ist des Müllers Lust vielleicht. Und nun will er fahren, er fährt ja schon, immer weiter, hat das Gefühl, dass das doch möglich sein muss, wie ja auch die Tour-de-France-Fahrer im Fernsehen immer fahren, Tausende von Kilometern. Er denkt, er spürt, dass es gehen kann, die Beine spürt er natürlich, das ja. Vielleicht, dass er die Aktentasche noch los wird, sie wegschleudern kann in voller Fahrt, dass ihn diese zwei, drei Kilo noch ausbremsen. Er hört die Leute schreien, vielleicht jubeln, alles wird weiß um ihn herum, die Landschaft löst sich auf und schält sich ab, ja, denkt Lengel, ja. Der Winter ist da, so lange fahre ich schon, ich fahre und fahre. Und auch das verbogene Vorderrad macht ihn nicht bange, genauso wenig, wie dass er auf der Seite liegt, direkt vor der Toreinfahrt.